Änderungen zwischen den Fassungen
Anl. 1neu
Anlage
Lehrplan für den evangelischen Religionsunterricht an Hauptschulen und an der Unterstufe der allgemeinbildenden höheren Schulen
Bildungs- und Lehraufgaben:
1.
Der Pflichtgegenstand Evangelische Religion ist in seinem Auftrag zweifach begründet. Von der Kirche besorgt, weiß er sich der biblischen Verkündigung, wie sie in der Heiligen Schrift und in den Bekenntnissen bezeugt wird, und der religiösen Bildung verpflichtet. Im Rahmen der öffentlichen Schule übernimmt er die Aufgabe, eine Begegnung mit dem Bildungsauftrag der Gesellschaft unter Herausforderung durch das Evangelium in einem gegenseitigen kritischen Dialog herbeizuführen. In dieser zweifachen Begründung liegt der spezifische Beitrag des evangelischen Religionsunterrichtes in der Erziehung zum mündigen Christen und Staatsbürger.
2.
Der Religionsunterricht soll dem Schüler verhelfen
a) Basiswissen zu erwerben,
b) sich qualifiziert auseinandersetzen zu können,
c) sich vom Glaubensanspruch herausfordern zu lassen.
Dies geschieht in der Beachtung der folgenden Gegenstandsbereiche:
–
Biblische Schriften (Altes und Neues Testament) als Quelle der Offenbarung und der Geschichte Gottes mit den Menschen
–
Methoden des Umganges mit der Bibel
–
Tradition als Wirkungsgeschichte des christlichen Glaubens im sozial-politischen und kulturellen Kontext
–
Bekenntnisschriften der Evangelischen Kirche AB und HB in Österreich
–
Christliche Bekenntnisse (andere christliche Konfessionen), andere Religionen und Weltanschauungen
–
Christliche Glaubenslehre (Dogmatik) als Ausdruck des gläubigen Selbstverständnisses im Ringen um die Wahrheit
–
Entstehung und Geschichte der Kirche und der christlichen Glaubenslehre
–
Theologie und Philosophie
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Weltbild der Einzel-(Natur-)wissenschaften
–
Christliche Anthropologie – das Verständnis des Menschen im Lichte der Offenbarung als Schöpfung und Erlösung
–
Anthropologische Konzepte der Humanwissenschaften
–
Christliche Ethik als Forderung des Guten und Einsicht in die Grenzen der verantwortlichen Selbstbestimmung (usus politicus et elenchticus)
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Gesetz und Evangelium
–
Menschenrechte und Unverfügbarkeit des Heils
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Philosophische Ethik(en)
–
Christliche Praxis als Verwirklichung der Liebe zu Gott und den Menschen
–
Diakonie, Seelsorge, Mission, Ökumene
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Humanität um das Problem der Wertfreiheit
–
Christliche Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen und als Institution
–
Menschliche Sozialformen als Verwirklichung und Hinderung von Gemeinschaften
–
Die Gestaltung des Christlichen (Poiesis)
–
Sakramentalität und die Sakramente der Kirche(n)
–
Gottesdienst, Riten, Feste
–
Symbole
–
Literatur, Kunst, Musik, AV-Medien
–
Religionskritik – Anliegen, Berechtigung, Kritik der Kritik
–
Ideologie – Ideologien.
Durch die gemeinsame Bearbeitung der angeführten Gegenstandsfelder durch Lehrer und Schüler sollen folgende Befähigungen und Haltungen erworben werden:
–
Basiswissen erwerben und sichern (1),
–
Entstehungszusammenhänge und geschichtliche Prozesse erkennen (2),
–
Erkenntnisschritte selbsttätig vollziehen (3),
–
Mißverständnisse und Vorurteile (zB gegenüber Kirche, Glaube und Religion) durchschauen und abbauen (4),
–
sich dem Prozeß der denkenden Aneignung des Glaubens stellen (5),
–
Intentionen und Methoden der verschiedenen Wissenschaften (Theologie, Philosophie, Natur- und Humanwissenschaften) unterscheiden, sachgemäß zuordnen und anwenden können (6),
–
Symbole kennen und wiedererkennen (7),
–
Kritik an Kirche und Religion als Suche nach der rechten Gestalt des Glaubens wahrnehmen (8),
–
die Struktur von Glaubensaussagen erkennen und wiedererkennen (9).
–
Sich qualifiziert auseinandersetzen (10),
–
zu einer selbstverantworteten Einstellung finden (11),
–
sich vom christlichen Glaubenszeugnis betroffen machen und herausfordern lassen (12),
–
die Glaubensmotivation von Menschen aus Geschichte und Gegenwart wahrnehmen, ernstnehmen und achten (Toleranz) (13),
–
sich mit Wert- und Glaubenshaltungen auseinandersetzen (Dialogfähigkeit) (14),
–
die eigene Überzeugung vertreten und argumentieren können (Konfliktfähigkeit) (15),
–
sich der ethischen Forderung in Unterscheidung von Gut und Böse stellen und Umkehr als Erlösungsangebot verstehen können (16),
–
mit der gottesdienstlichen, sakramentalen und diakonischen Praxis der Kirche vertraut werden und daran teilhaben (17),
–
Mündigkeit und Verantwortung gegenüber sich selbst, dem Mitmenschen und der Umwelt (18),
–
ökumenische und interkulturelle Verständigungsbereitschaft (19),
–
sich in der Minderheitensituation bewähren (20).
Von dem Lehrer werden folgende Befähigungen und Haltungen erwartet:
–
Schülern anhand von Quellentexten eine eigenständige Arbeit und ein qualifiziertes Urteil ermöglichen,
–
verantwortliche Einschätzung der konkreten didaktischen Situation in der Klasse,
–
das erzieherische Gefälle und die Schutzbedürftigkeit der Heranwachsenden beachten,
–
offen sein für die Gegenseitigkeit von Lernprozessen,
–
Methoden wissenschaftlicher Theologie einbringen,
–
Methodenvielfalt praktizieren.
–
Fragen und Suche der Schüler unterstützen,
–
Verantwortungs- und Vergebungsbereitschaft praktizieren und fördern,
–
Bereitschaft, über den eigenen Glauben offen zu sprechen,
–
Bereitschaft, den Glauben im Handeln zu bewähren,
–
Eingehen auf persönliche Probleme der Schüler,
–
Gewissensbindungen der Schüler achten,
–
Reifungsprozesse im Glauben berücksichtigen,
–
Kontakt mit der eigenen Gemeinde und anderen Gemeinden, sowie mit dem Elternhaus der Schüler pflegen,
–
Partnerschaft anstreben,
–
mit den Kollegen anderer Fächer zusammenarbeiten (zB fächerübergreifender Unterricht),
–
aktuelle Anlässe berücksichtigen,
–
verantwortliche Teilnahme am schulischen Leben.
Evangelischer Religionsunterricht sieht sich im Rahmen des allgemeinen Lehrplans. Unter „aktueller Bezug“ sind Anregungen gegeben, die nicht als endgültige Norm gelesen werden dürfen. Sie sind in der Praxis zu überprüfen und zu erweitern. Zu der jedem Lehrer zustehenden Methodenfreiheit kommt für den evangelischen Religionsunterricht noch die Rücksichtnahme auf die jeweilige theologische, pädagogische und psychologische Position des Lehrers. Anordnung, Gliederung, Akzentuierung, exemplarische Einheiten, Reihenfolge und Stoffauswahl bleiben der Verantwortung der Lehrerin/des Lehrers ebenso anheimgestellt wie die Beachtung ihrer speziellen Unterrichtsgruppen, ihrer speziellen Schule, des Diasporacharakters und des Unterschieds von Unterricht in Großgruppen (Klasse), wie sie die Schüler meist erleben, zum Unterricht in der Kleingruppe mit ganz anderem Sozialcharakter.
Lehrstoff:
ICH UND DIE SPRACHE
–
ihre bisherigen Erfahrungen mit Religion und dem Gebrauch religiöser Begriffe ausdrücken und darüber nachdenken;
–
den Zusammenhang zwischen religiösen Begriffen und religiöser Praxis verstehen;
–
und dabei auch die Bedeutung der Kommunikation mit Mitschülern und Lehrern begreifen.
–
Ihre Erwartungen, Wünsche und Befürchtungen in bezug auf den Religionsunterricht bzw. „Religion“ überhaupt ausdrücken.
ICH UND DIE BIBEL
–
mit ihrer Bibel und den Karten, Tabellen und Verzeichnissen vertraut werden:
–
in wesentlichen Grundzügen einen Überblick über Inhalt, Aufbau und Einteilung der Bibel bekommen;
–
die existentielle Betroffenheit als Ausgangspunkt mündlicher Tradition kennen;
–
die Geschichte der Entstehung über Überlieferung der Bibel und ihrer Übersetzungen in Grundzügen wissen.
–
den Unterschied von gottesdienstlichem Gebrauch, unterrichtlichem und sonstigen Gebrauch der Bibel verstehen und außerdem für den Mißbrauch der Bibel sensibel werden.
ICH UND DIE GESCHICHTE
–
die Geschichte der Propheten in Grundzügen wissen und deren Bedeutung erkennen;
–
die Tradition vom Auszug aus Ägypten als Grundgegebenheit biblischen Glaubens erkennen.
(Weitere Ziele)
–
Die Väterüberlieferungen Israels in ihrer Entstehung, Bedeutung und Überlieferung an einem Beispiel wissen;
–
die Spannung von Priestertum, Tempel, König einerseits und Propheten andererseits wissen;
–
die prophetische Aufgabe der Christen kennenlernen als Kritik an ungerechten Verhältnissen und falscher Religion einerseits und als Mitarbeit an mehr Gerechtigkeit und Frieden andererseits;
–
„Vision“ historisch begreifen und als Ausdruck von Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Kritik an schlechter Gegenwart.
ICH UND DIE GEMEINSCHAFT
–
die kulturellen, sozialen und religiösen Bedingungen zur Zeit der Landnahme und die daraus entstehenden Konflikte wissen;
–
die Konflikte um die Einführung des Königtums, sowie die Kritik und die Verheißung für den König kennenlernen.
–
die Verhältnisse vor der Einwanderung in Kanaan kennenlernen;
–
eine wesentliche Tradition aus der Richterzeit kennenlernen,
–
den Übergang vom nomadischen Leben Israels zur seßhaften Lebensweise begreifen.
ICH UND MEINE VERANTWORTUNG
die Notwendigkeit sozialer Regeln verstehen;
–
den Beitrag des Glaubens dazu verstehen;
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das Wesen von Gesetzestexten und einige exemplarische Traditionen im AT kennenlernen;
–
die 10 Gebote in ihrer biblischen und kirchlichen Überlieferung wissen;
–
die Freiheit als Voraussetzung für ethisches Handeln verstehen.
–
die Unterschiede der katechismusartig gebrauchten 10 Gebote im Judentum und in den verschiedenen christlichen Konfessionen kennenlernen;
–
in Ansätzen die Problematik von Gesetz und Evangelium begreifen lernen.
ICH UND DIE UMWELT
–
Schöpfung als Verheißungs- und Verantwortungszusammenhang kennenlernen und verstehen, und zwar gegenüber Menschen, Tieren, Pflanzen und unbelebter Schöpfung;
–
Schöpfung als Auftrag zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung begreifen;
–
sich selbst als gewolltes, einmaliges, ganzheitliches Geschöpf erleben.
–
die Schöpfungsberichte lesen und deren Unterschiede wissen;
–
die historische Situation der Schöpfungsberichte kennenlernen und deren Aussage verstehen;
–
den Unterschied von naturwissenschaftlichen Weltentstehungstheorien („wie es wahrscheinlich gewesen ist“) und biblischen Schöpfungsglauben (Sinn der Welt und des Lebens, Verantwortung und Praxis) verstehen.
WENN WIR FEIERN, DANN BRAUCHEN WIR
–
Wesen und Bedingungen von Festen und Feiern verstehen;
–
die historischen und theologischen Beziehungen von Stiftshütte – Erstem und Zweitem Tempel – Synagoge – Kirche – Moschee kennenlernen;
–
das Kirchenjahr in seinen Bezügen zum jüdischen, moslemischen Jahr und dem Jahresablauf der anderen christlichen Kirche kennenlernen und als Chance zum Feiern begreifen;
–
Kirchenbau als Ausdruck gelebten Glaubens begreifen.
Didaktische Grundsätze:
Das erste Schuljahr ist für die Schüler geprägt von der Notwendigkeit der Einbindung in einen neuen Klassenverband und der Gewöhnung an eine andere Art von Schule (Lehrerwechsel, verschiedene Lehrer in verschiedenen Stunden, neue Mitschüler). Daher ist es auch gekennzeichnet von Unsicherheit. Eine neue Position in der neuen Großgruppe muß gefunden werden. Für den evangelischen Religionsunterricht kommt noch hinzu, daß sich der Schüler an eine neue Kleingruppe gewöhnen muß. Die Erfahrungen mit dem evangelischen Religionsunterricht werden für die Schüler möglicherweise sehr unterschiedlich sein. Daher ist den mitgebrachten Erfahrungen ebensosehr Aufmerksamkeit zu widmen, wie dem unterschiedlichen Wissen. Außerdem könnten einige Schüler bestimmte Sozialformen des Unterrichts kennen (zB Gruppenarbeit, Partnerarbeit), andere nicht. Ebenso muß Raum sein, damit die Schüler ihre sicherlich ganz unterschiedliche religiöse Sozialisation darstellen können. Die Lehrer werden wegen der Kleingruppenstruktur den biographischen Hintergrund der Kinder stärker als die Lehrer anderer Gegenstände mitbekommen und reflektieren müssen. Umgekehrt stehen die Lehrer, besonders in der Anfangsphase, im Zentrum der Aufmerksamkeit der sich bildenden Religionsunterrichtsgruppen. Die Kooperation mit anderen Kollegen legt sich nicht nur wegen inhaltlicher Bezüge nahe, sondern auch wegen der für alle anderen Lehrer bestehenden Notwendigkeit, den Schülern beim Hineinwachsen in die neue Klasse zu helfen.
Lehrstoff:
VON JESUS WIRD WEITERERZÄHLT UND AUFGESCHRIEBEN
–
Inhalt und Umfang des Neuen Testaments kennenlernen und in seinen Gebrauch eingeführt werden;
–
die Geschichte der Entstehung des Kanons des Neuen Testaments im Überblick kennenlernen;
–
wissen, daß es auch andere frühchristliche Literatur außerhalb des Kanons gibt;
–
existentielle Betroffenheit als Grund zur mündlichen und schriftlichen Tradition von Jesus begreifen;
–
den Unterschied mündlicher und schriftlicher Tradition kennenlernen;
–
Gattungen mündlicher und schriftlicher Tradition kennenlernen;
–
Gründe für die schriftliche Redaktion mündlicher Tradition nennen können;
–
die Evangelien als schriftliche Redaktion begreifen;
–
die Evangelien in ihren gemeinsamen und unterschiedlichen Intentionen, in ihrem Aufbau und ihren Unterschieden von historischen Quellen begreifen;
–
die anderen literarischen Gattungen des Neuen Testaments in ihrer Eigenart und ihren Intentionen im Überblick wissen.
JESUS, DER MENSCH
–
die Hauptinhalte der Lehre Jesu kennenlernen;
–
die von Jesus überlieferte Lebenspraxis verstehen;
–
exemplarische Konflikte Jesu, deren Gründe und beteiligte Personen wissen;
–
die Darstellung des Prozesses Jesu nach den Evangelien in deren theologischer Absicht von der Frage nach der Historizität unterscheiden.
ZEIT UND UMWELT JESU
–
die Datierungsversuche zur Geschichte Jesu und des Urchristentums kennenlernen, die sich auf historische Quellen stützen;
–
die Schwierigkeiten einer genauen historischen Darstellung des Lebens Jesu und der Geschichte des Urchristentums kennenlernen;
–
den Zusammenhang der neutestamentlichen Zeitgeschichte mit der Geschichte Israels vorher und nachher wissen;
–
wirtschaftliche, politische, kulturelle und religiöse Verhältnisse in Palästina zur Zeit Jesu kennenlernen;
–
Bevölkerungsschichten und Gruppen dieser Zeit kennenlernen.
GLAUBEN AN JESUS
–
den Unterschied von historischen Quellen zu der theologischen Intention der neutestamentlichen Schriften begreifen;
–
begreifen und an Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart verstehen lernen, daß Personen, das Leben, das Sterben und die Auferstehung Jesu immer wieder Glauben, neue Lebenspraxis und Lebensformen hervorgerufen haben;
–
an Beispielen erfahren, daß es auch nichtchristliche und nichtreligiöse Deutungen von Jesu gibt, die von Betroffenheit bestimmt sind;
–
die Darstellung des Lebens Jesu in den Evangelien in groben Zügen wissen.
–
das Neue Testament als eine Sammlung mündlicher und schriftlicher Reaktionen des Glaubens an Jesus von Nazareth verstehen lernen;
–
die unterschiedlichen Auferstehungstraditionen in den Schriften des Neuen Testament in ihren Absichten verstehen lernen;
–
die unterschiedlichen Traditionen über das Kreuz Jesu kennenlernen;
–
die Hoheitstitel Jesu in ihrer Herkunft und Bedeutung kennen- und verstehenlernen;
–
begreifen, daß die Hoheitstitel ausdrücken, welche jeweils aktuelle Bedeutung Jesus für Christen hat.
GEMEINDE JESU
–
die Tradition von der Geisterfahrung im Neuen Testament kennenlernen;
–
Geisterfahrung als für die christliche Gemeinde konstitutiv verstehen;
–
die verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen in der Geschichte des Urchristentums kennenlernen;
–
wissen, daß es von Anfang an verschiedene Gruppen im Christentum gab.
–
begreifen, daß der Heilige Geist Erinnerung an Jesu Worte, Taten, sein Kreuz und seine Auferweckung bedeutet (und damit Kriterium christlicher Gemeinde ist);
–
begreifen, daß Heiliger Geist Inkraftsetzung der Lehre, des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu für die jeweilige Gegenwart in ihren sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und historischen Bedingungen bedeutet;
–
Heiligen Geist ansatzweise als den „Neuschöpfer“ und das „Angeld“ des messianischen Reiches verstehen lernen;
–
die unterschiedlichen neutestamentlichen Gemeindemodelle kennenlernen;
–
begreifen, daß Glaube je nach kulturellen, historischen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen unterschiedliche Formen von „Kerygma, Diakonia, Koinonia“ schafft;
–
den Dialog als angemessene Form sozialen Verhaltens angesichts unterschiedlicher christlicher Konfessionen (Ökumene), verschiedene Gruppen in den Regionen, den Kulturen, dem eigenen Land und in der eigenen Lebenserfahrung begreifen.
Didaktische Grundsätze:
Das zweite Schuljahr an AHS könnte für die Schülerinnen und Schüler dadurch gekennzeichnet sein, daß die anfängliche Integrationsprobleme sich beruhigen und das Gruppenklima der Klasse durch feste Rollen sichtbar wird. Abgesehen von der Frage, ob eine phasenorientierte Entwicklungspsychologie ihr Recht hat, ist zu überlegen, ob sich in diesem Schuljahr nicht der Wechsel von der „Mitte der Kindheit“, einem ganzheitlichen Wirklichkeitsverständnis, zur Vorpubertät stattfindet. Existentielle Unsicherheit einerseits und das verstärkte Praktizieren von empirischem Denken und Erfahren der Wirklichkeit werden dann stärker als Gegensatz empfunden. In diesem Schuljahr werden Geschichte und Physik eingeführt. Für den evangelischen Religionsunterricht kann es sehr wichtig sein, naturwissenschaftliches uns historisches Denken und Arbeiten positiv zu würdigen, und gleichzeitig aufzuzeigen, daß die Wirklichkeit des Glaubens dies nicht nur verträgt, sondern daß es im Glauben um existentielle Betroffenheit, um Sinn und Verantwortung geht. Das könnte nicht nur von vornherein wissenschaftlich schon längst als falsch erwiesene Alternativen vermeiden, sondern die Schüler auch stützen und ihnen den Zugang zu einem ganzheitlichen Wirklichkeitsverständnis offen zu halten. Da Selbst- und Fremdwahrnehmung in der Kleingruppe des evangelischen Religionsunterrichtes anders, weil wegen der Größe der Gruppe viel intensiver stattfindet, können vielleicht Veränderungen der einzelnen Schülerinnen und Schüler schon viel früher sichtbar werden als in der Großgruppe. Das könnte für den Lehrer bedeuten, gerade mit diesem Hintergrund das Gespräch mit den anderen Klassenlehrern zu suchen, um seine Einschätzung der Gruppe zu ergänzen und zu korrigieren.
WIE ENTSTEHT KIRCHE?
–
die wesentlichen neutestamentlichen Texte zur Entstehung der Kirche lesen;
–
die Institution und Wirksamkeit der Kirche auf Jesus und seine Botschaft hin befragen;
–
Lehre, Leben, Sterben und die Auferweckung Jesu als Kriterium christlicher Selbsterkenntnis auf konkrete Situationen anwenden;
–
die Berührungspunkte zwischen der eigenen Lebensgeschichte und der Geschichte der Kirche aufzeigen und besprechen.
–
Osterglaube, Geisterfahrung und Christuskult als gestaltbildende Elemente von Kirche wissen;
–
die unterschiedlichen neutestamentlichen und späteren Konzepte von Kirche und ihrer theologischen Begründung und praktischen Bedeutung kennenlernen;
–
die Frage nach der existentiellen Bedeutung der neutestamentlichen Texte über Kirche und deren Wirkungsgeschichte für sich selber stellen.
WIE ORGANISIERT SICH KIRCHE?
–
erste Glaubensbekenntnisse und Texte vom Tun aus Glauben im Neuen Testament und aus der Geschichte des Christentums lesen und verstehen;
–
Bekenntnis, Gemeindebildung und christliche Praxis als Antwort auf Geisterfahrung kennenlernen;
–
den Zusammenhang der Ämter in der Kirche mit der Aufgabe der Kirche in der Gesellschaft erkennen (zB Diakonie – Eintreten der Kirche für die Schwachen).
–
dauernde Organisationsprobleme der Christen und ihre Hintergründe verstehen (Charisma – Institution, Enthusiasmus – geschichtliche Kontinuität);
–
die unterschiedlichen Gemeindekonzepte im Neuen Testament kennen und deren Unterschiede und Konflikte verstehen;
–
die historischen und theologischen Gründe der Kanonsbildung, der Formulierung fester Bekenntnisformeln und der Herausbildung des Amtes der Kirche wissen;
–
den konstitutiv sprachlich-kommunikativen und sozialen Charakter des christlichen Glaubens verstehen.
KIRCHE UND STAAT
–
den Konflikt Jesu mit den politischen und religiösen Autoritäten als maßgebenden Markstein für Kirche wissen;
–
die vielfältigen Konflikte von Christen mit den religiösen und politischen Autoritäten im Laufe der Geschichte kennenlernen;
–
die Bedeutung der „konstantinischen Wende“ für die weitere Geschichte des Christentums begreifen;
–
die Frage nach der Bedeutsamkeit christlichen Handelns in aktuellen politischen Verhältnissen stellen und diskutieren;
–
Papismus, Cäsaropapismus, Theokratie und die verschiedenen Ausformungen der Zwei Schwerter-Theorie in der Kirchengeschichte kennenlernen und diskutieren;
–
neuere Versuche der theologischen Ethik und Politik kennenlernen, das Verhältnis von Kirche und Staat zu bestimmen;
–
die unterschiedlichen historischen Entwicklungen in der Ost- und Westkirche in Grundzügen wissen;
–
die Bedeutsamkeit der unterschiedlichen Konzepte des Verhältnisses von Staat und Kirche für die ökumenischen Bemühungen verstehen.
KIRCHE UND ANDERE RELIGIONEN
–
lernen, daß es verschiedene Möglichkeiten gibt, nach Gott und Lebenssinn zu fragen;
–
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Religionen wissen;
–
Haß auf den „anderen“ und Antijudaismus als dem christlichen Glauben widersprechend erkennen.
–
lernen, daß der Maßstab zur Beurteilung von Religionen nicht in erster Linie in der eigenen Religion, sondern im Maßstab liegt, ob und inwieweit Religion der Identität eines Menschen und der Vermenschlichung der Gesellschaft dient;
–
die Entstehung, Theorie und Praxis bedeutsamer Religionen für Identität, zwischenmenschliches und politisches Verhalten untersuchen und wissen;
–
Gründe und Ausformungen des spezifisch christlichen Antijudaismus in Vergangenheit wissen und durchschauen;
–
ideologischen Mißbrauch von Religionen kennenlernen und diskutieren;
–
Alternativen zum Umgang mit „anderen“ in allen Lebensdimensionen erfragen.
KIRCHE UND KETZER
–
erkennen, daß Gruppenbildung auch Ausgrenzung anderer und ihre Bezeichnung als „andersartig“ bedeuten kann;
–
einsehen, daß Feindbilder nicht der wirklichen Identität einer Gruppe dienen;
–
verstehen lernen, daß nicht nur einzelne, sondern auch Gruppen, Volks- und Glaubensgemeinschaften Buße tun müssen, um für die Gegenwart und Zukunft frei zu werden;
–
wissen, daß die kirchenkritischen Bewegungen das arme Leben Jesu und der Apostel, Jesu Machtlosigkeit und die Predigt der Bibel in der Landessprache als Maßstäbe für die Erneuerung der Kirche ansahen;
–
Projektionsmechanismen und Diskriminierungen auch in der eigenen Mitwelt wahrnehmen:
–
an Beispielen aus der Kirchengeschichte erkennen, wie oft sich die Unfähigkeit zu Reue und Buße wiederholt hat;
–
den Wiederholungszwang als Folge kollektiver Verleugnung einer schuldhaften Vergangenheit verstehen;
–
historische Beispiele für Sündenbocksuche und -verfolgung in Kirche und Gesellschaft kennenlernen;
–
Meinungen und Urteile als interessensbestimmt sehen;
–
Grundlagen und Phasen der Inquisition kennen sowie Parallelen in der Gegenwart aufsuchen;
–
einsehen, daß die Kirchen durch den Geist Christi zu permanenter Erneuerung ihrer Lehre und ihres Lebens verpflichtet sind.
DIE ERNEUERUNG DER KIRCHE (REFORMATION)
–
die Gerechtmachung des Gottlosen allein aus Glauben und allein durch Jesus Christus als zentrales theologisches Motiv der Reformation kennenlernen, verstehen und auch aktuell und existentiell erfahren und anwenden;
–
die Folgen dieser Erkenntnis für die Ekklesiologie erkennen;
–
die theologische und sprachgeschichtliche Bedeutung der Bibel und der Bibelübersetzungen kennenlernen;
–
umstrittene Punkte der Reformationsgeschichte diskutieren;
–
die Geschichte der Evangelischen Kirche in Österreich in ihrer Eigenart wissen.
–
die historischen, kulturellen, gesellschaftlichen, ökonomischen und theologischen Gründe für die Reformation kennenlernen,
–
die Biografien der Reformatoren in Grundzügen wissen;
–
die Unterschiede zwischen den verschiedenen Strömungen der Reformation in Grundzügen wissen;
–
innerevangelische Konflikte und ihre Lösungen kennen;
–
die Verbindung von religiösen Aussagen und Tätigkeiten mit anderen Interessen durchschauen und anwenden;
–
die Bedeutung reformatorischer Tradition als Hinweis auf Christus in seiner aktuellen Bedeutung verstehen;
–
die ständige Erneuerung kirchlicher Theorie und Praxis als evangelischen Auftrag verstehen.
Didaktische Grundsätze:
Mit den Vorschlägen für die dritte und vierte Klasse steht in besonderer Weise der Kirchengeschichtsunterricht zur Debatte. Fachdidaktisch sind unterschiedliche Konzepte denkbar, die eine Vermittlung kirchengeschichtlicher Inhalte nach bestimmten Anschauungen von der Geschichte des Christentums beabsichtigen (zB heilsgeschichtlich, sozialgeschichtlich usw.). Wenn allgemein gilt, daß nur vermittelt werden kann, wovon der Lehrer selbst überzeugt und unterrichtet ist, so werden Schüler, die in der Pubertät sind, ganz besonders auf Glaubwürdigkeit und Sachkompetenzen achten. Auch wenn die phasenorientierte Entwicklungspsychologie nicht schematisch angewendet werden kann und auf die konkrete Lerngruppe geachtet werden muß, sollte doch auf ein verstärktes Hinterfragen alles Überlieferten durch die Schüler geachtet werden. Gerade das Thema Kirchengeschichte verbalisiert die Problematik der Auseinandersetzung mit allem Überlieferten. Da Schülern dieser Altersstufe erfahrungsgemäß der Zugang zur Geschichte nicht leicht fällt, ist besonders auf die aktuelle Bezugnahme, auf ihre Lebenswelt zu achten.
GLAUBE FÜR DIE WELT
–
die Phasen der Missionsgeschichte in ihrer Charakteristik begreifen und diskutieren;
–
die Verbindung von Glauben, Wirtschaft und Politik erkennen und durchschauen;
–
verstehen, daß die Kirche nur Kirche ist als Instrument Gottes.
–
verstehen, daß Kirche gesandt ist, der Sendung Gottes in die Welt zu folgen;
–
verstehen, daß Kirche nur Kirche ist, wenn sie für andere da ist;
–
siehe auch Ziele zu „Kirche und anderen Religionen“ 3. Klasse.
GLAUBE IN DER KIRCHE
–
die Bedeutung des historischen Glaubens für das eigene Leben erfragen;
–
den sozialen Bezug des christlichen Glaubens erkennen;
–
eigene positive und negative Erfahrungen mit Kirche besprechen und bewältigen;
–
Modelle gelebten Christenseins in der näheren und ferneren Umwelt kennenlernen und verstehen.
–
die Beziehung von Glauben und Gemeindebildung verstehen;
–
die Gemeinde als unverzichtbares Element des christlichen Glaubens verstehen;
–
die unterschiedlichen theologischen Konzepte von Gemeinde im Neuen Testament, in der Geschichte des Christentums und in der Gegenwart bzw. deren Konsequenzen in der Praxis kennenlernen und verstehen;
–
Ursachen und Auswirkungen der Säkularisierung für das Leben der Kirche kennenlernen und diskutieren.
GLAUBE UND SOZIALE FRAGE
–
Beispiele aus der Geschichte der Diakonie genauer besprechen;
–
über neue Aufgaben der Diakonie in einer veränderten Welt nachdenken;
–
Möglichkeiten diakonischen Handelns für sich selber entdecken;
–
die vielfachen biblischen und theologischen Begründungen sozialen Handelns aus Glaube kennenlernen und in ihrer praktischen Auswirkung diskutieren;
–
vergangene und gegenwärtige Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Marxismus und Diakonie in der Analyse sozialer Probleme und deren Behebung kennen und diskutieren;
–
Möglichkeiten der Zusammenarbeit staatlicher und kirchlicher Stellen wissen und kennenlernen.
GLAUBE UND DENKEN
–
Möglichkeiten der Verbindung von Glaube, Erkenntnis und Ethik kennenlernen und für sich selber diskutieren;
–
Glauben, Wissen und Handeln als unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit verstehen und unterscheiden können;
(Weitere Ziele)
–
den Unterschied zwischen Beschreibung von Fakten und Aussagen über Sinn und Verantwortung kenn- und verstehenlernen;
–
wesentliche Phasen und Persönlichkeiten der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft kennenlernen;
–
aktuelle Positionen der Frage Glaube und Naturwissenschaft kennen und diskutieren;
–
die wesentliche Verbindung zwischen Erkenntnis, Glaube und Ethik kennenlernen und für sich selber diskutieren;
–
nachvollziehen, daß auch Erwachsene glauben und daraus handeln können;
–
eigene Möglichkeiten erkennenden und verantwortungsvollen Handelns aus Glauben erfragen.
GLAUBE UND POLITIK
–
die vielen biblischen und theologischen Begründungsmodelle für ein politisches Handeln des einzelnen und der Kirchen kennenlernen und verstehen;
–
erkennen, daß jedes menschliche Handeln auf das Zusammenleben der Menschen bezogen ist;
–
erkennen, daß in religiösen Aussagen immer auch politische Optionen stecken;
–
ideologischen Mißbrauch von Religion und bewußtes politisches Argumentieren und Handeln aus Glauben unterscheiden lernen;
–
siehe „Kirche und Staat“ 3. Klasse.
GLAUBE UND NEUE RELIGIOSITÄT (ERWEITERUNGSMÖGLICHKEIT)
–
Phänomene neuer Religiosität und deren Ursachen erforschen und begreifen;
–
Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen den religiösen Bedürfnissen und der christlichen Tradition herausarbeiten;
–
die unterschiedlichen Bewertungsmöglichkeiten religiöser Phänomene kennenlernen und verstehen;
–
die befreiende oder unterdrückerische Rolle von Religion für Individuen und Gruppen wissen und diskutieren;
–
lernen, daß es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, nach Gott als Sinn des Lebens zu fragen und daraus zu leben;
–
Konfliktebenen zwischen kirchlich verfaßtem Christentum und anderen religiösen Sondergruppen kennenlernen und begreifen;
–
einen eigenen Standpunkt in der religiösen Szene der Gegenwart beziehen.
GLAUBE ALS HILFE ZUM LEBEN
–
den christlichen Glauben als Lebenshilfe für individuelle, soziale und politische Probleme verstehen;
–
eigene Probleme und Fragen artikulieren und Antworten des Glaubens dafür diskutieren;
–
die Bedeutung des christlichen Glaubens für ihr eigenes Leben erfragen;
–
wichtige Informationen zu Lebensfragen einholen.
Didaktische Grundsätze:
Wie für die dritte, ist auch für die vierte Klasse die Lebensphase der Pubertät bei den Schülern zu beachten. Außerdem ist für viele Schüler dieses Schuljahr ein Jahr des Nachdenkens über Schulwechsel und Berufswahl. Verunsicherung und Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens sowie nach lebbaren Konkretionen stehen im Vordergrund. Möglicherweise versuchen auch die Kollegen in den anderen Gegenständen, die Schüler auf den Schulwechsel oder den Übertritt ins Berufsleben vorzubereiten und auch die damit verbundenen existentiellen Fragen aufzugreifen. Traditionell werden die 14jährigen von ihren Gemeinden wegen des Konfirmandenunterrichts und wegen der Konfirmation angeschrieben. Damit stellt sich die Frage nach den religiösen und kirchlichen Erfahrungen intensiv. Es ist wichtig, die Gemeinsamkeit und Unterschiede zwischen schulischen und kirchlichem Unterricht aufzuzeigen, der Frage nach der Bedeutung des christlichen Glaubens und kirchlichen Lebens für das gegenwärtige und zukünftige Leben der Schüler nachzugehen.